Selbstdisziplin beim Abnehmen

Selbstdisziplin beim Abnehmen

Selbstdisziplin?

Die landläufige Meinung beim Thema Abnehmen ist, dass Selbstdisziplin der Schlüssel sei. Wir schreiben Individuen die Verantwortung dafür zu, dass sie sich „besser disziplinieren“ sollten um so ihre Ziele zu erreichen.
Ich möchte überhaupt nicht bestreiten, dass Disziplin eine wichtige und lohnenswerte Fähigkeit ist. Es ergibt Sinn sich damit auseinanderzusetzen, wie Disziplin neurologisch funktioniert und wie wir unsere Disziplin trainieren können. Ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung ist unabdingbar, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen. Aber Selbstdisziplin hat ihre Grenzen. Doch, wie funktioniert Selbstdisziplin eigentlich? 

Roy Baumeister

Roy Baumeister ist Professor für Sozialpsychologie an der University of Queensland in Australien und befasst sich intensiv mit der Funktion der Selbstdisziplin. Baumeister fand in seinen Untersuchungen heraus, dass Disziplin ähnlich wie ein Muskel funktionieren soll. Wir könnten den Muskel der Disziplin trainieren und er kann ermüden, wenn wir ihn zu stark belasten oder zu wenig Glukose zur Verfügung steht. In einem spannenden Experiment versuchten Baumeister und seine Kollegen dies nachzuweisen.

Selbstdisziplin im Labor

Sie teilten die Probanden in drei Gruppen ein. Alle drei Gruppen wurden dazu verpflichtet, hungrig im Versuchslabor zu erscheinen. Zwei Gruppen wurden in einen Versuchsraum geführt, in dem es nach frisch gebackenen Plätzchen duftete. Auf dem Tisch an dem die Probanden für das Experiment saßen, waren Schüsseln, die mit
a.) Schokolade
b.) Plätzchen
c.) Radieschen
gefüllt waren. Die eine der beiden Gruppen durfte sich nun über die Schokolade und die Plätzchen hermachen, während die ProbandInnen der anderen Gruppe ausschließlich Radieschen essen durfte. 

Selbstdisziplin kostet Kraft

Dies fiel den Probanden der zweiten Gruppe sichtlich schwer. Sie rochen zum Teil an den Keksen, nahmen sie sogar in die Hand. Aber sie wagten nicht diese zu essen. Die Probandinnen und Probanden mussten eine gewaltige Menge Selbstdisziplin aufbringen, um der süßen Versuchung zu widerstehen.
Die Probandinnen und Probanden der dritten Gruppe, bildeten die Kontrollgruppe. Diese Kontrollgruppe kam ebenfalls hungrig ins Versuchslabor. Die Teilnehmenden wurden allerdings keiner Versuchung ausgesetzt, der sie widerstehen sollten. 

Frustration durch Mathematik

Nach dem die ProbandInnen der einen Gruppen ihre ganze Selbstdisziplin aufbringen mussten, die der zweiten Gruppe sich an Keksen und Schokolade laben durften und die Kontrollgruppe hungrig blieb, begann die zweite Phase des Experiments.

Die Probanden der drei Gruppen sollten nun Geometrieaufgaben lösen. Diese Aufgaben waren als Intelligenztest deklariert, waren aber in Wirklichkeit unlösbar. Es ging darum zu testen, ob es Unterschiede in der noch vorhandenen Selbstdisziplin innerhalb der drei Gruppen gab. Und die gab es. 

Frustrationstoleranz?

Die Gruppe die Kekse und Schokolade essen durften sowie die Kontrollgruppe arbeiteten durchschnittlich 20 Minuten an den Aufgaben bevor sie aufgaben.
Die Gruppe, die im ersten Teil des Experiments bereits ihre Selbstdisziplin aufwenden mussten, hielten im Durchschnitt lediglich 8 Minuten durch. Das ist ein riesiger Unterschied für solch ein psychologisches Experiment (Baumeister et al. 1998).

Die Metapher der „Willenskraft als Muskel“ trifft angeblich nicht nur auf Essen und Konzentrationsfähigkeit zu. Das Phänomen wurde in zahlreichen psychologischen Experimenten und in verschiedenen anderen Feldern (wie der Eheberatung) entdeckt und für höchst relevant befunden.

Selbstdisziplin und Umfeld

In den Zeiten und dem Umfeld in denen wir aktuell leben, wird Selbstdisziplin zunehmend wichtiger, meint Baumeister. Denn unsere Wahlmöglichkeiten sind nahezu unbeschränkt und wir haben Zugriff auf alle möglichen kurzfristigen Verlockungen. Das betrifft nicht nur unsere Ernährung sondern ebenso den Konsum von Alkohol und anderen Drogen, unsere sportliche Leistungsfähigkeit, unsere Leistung am Arbeitsplatz und unsere Finanzen. 

Langer Rede, kurzer Sinn: Baumeister und seine KollegInnen, die sich mit dem Bereich der Selbstdisziplin auseinander setzen, kommen zu folgendem Resümee:

„Selbstdisziplin ist eine entscheidende Stärke und ein Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben.“ 

Möglichkeiten, Grenzen und Ausblick

Okay Selbstdisziplin scheint wichtig zu sein. Zumindest für Herrn Baumeister. Aber sogar Roy Baumeister und seine Forscherkumpels gestehen ein, dass Disziplin eine genetische Komponente besitzen könnte. Insgesamt müssen sie eingestehen, dass sie das Geheimnis keineswegs gelüftet haben. Denn es gibt zwar Menschen, die viel Selbstdisziplin aufbringen können. Einige stellt Baumeister in seinem Buch auch extensiv vor.

Selbstdisziplin als Abschreckung

Allerdings kam bei diesen Beispielen immer wieder ein Gefühl von Fanatismus in mir hoch. So erzählt er von extrem religiösen Menschen, deren Gottgläubigkeit sie auch die härtesten Strapazen bewältigen ließ. Oder Selbstdisziplin-Darsteller, die mit schier unmenschlicher Durchhaltefähigkeit öffentlichkeitswirksame Auftritte zustande bringen. Die sich dann aber im Anschluss, im Privaten für einige Monate völlig gehen ließen.

Fazit

Selbstdisziplin ist ein spannendes und weites Feld. Es ist sicherlich hilfreich im Leben, wenn man dazu in der Lage ist, kurzfristige Belohnungen aufzuschieben und Impulse zu regulieren. Aber wie das langfristig für alle Menschen funktionieren kann, konnte der gute Roy Baumeister bislang nicht herausfinden. Schlussendlich müssen wir wohl zu dem wenig befriedigenden Resultat kommen, dass Selbstdisziplin nicht für alle Menschen das Gleiche bedeutet. Während die eine vielleicht auf einen Marshmallow verzichten können möchte, ist es für den Nächsten vielleicht viel entscheidender, seine Wutausbrüche zu kontrollieren. 

Am Ende kommen wir wohl nicht drumherum, uns mit unserer eigenen Persönlichkeit, unseren Stärken und Schwächen zu beschäftigen.