Werbung für Lebensmittelhersteller

Werbung für Lebensmittelhersteller

Lebensmittelhersteller und Politik

Nachdem ich das Werbevideo von Frau Klöckner für Nestlé gesehen habe, musste ich erstmal eine gute Woche meditieren, um nicht zu einem „Hate-Speaker“ zu werden. Nun fühle ich mich dazu bereit, emotional gefestigt, meine ernährungswissenschaftliche Meinung zu dem Video mit dem Deutschland-Chef von Nestlé zu äußern. Vielleicht begibt sich Frau Klöckner ja vom politischen Olymp herab und macht sich Gedanken über Ihre Werte, Prinzipien und besonders Ihre Verantwortung als Politikerin. Werbung für Lebensmittelhersteller, muss das sein?

Werbung für Lebensmittelhersteller- kann man machen…

Zu allererst dachte ich daran, mich auf ein Nestlé-Bashing zu konzentrieren. Doch als ich zwei Stunden recherchiert hatte, wurde ich ziemlich depressiv angesichts der Fakten über dieses und andere „vorbildliche“ Unternehmen in der Lebensmittelbranche. Neben einer höchst fragwürdigen Rolle im Trinkwasser- und Palmölgeschäft, ist Nestlé laut Greenpeace und Utopia der größte Plastikmüllproduzent der Erde. Und dann sind da noch die Treibhausgasemissionen. Nestlé gehört zu den 10 größten Lebensmittelproduzenten. Gemeinsam kommen diese im Ländervergleich der Klimasünder auf Platz 25!! Sie stoßen jährlich, laut Oxfam-Studie, 263,7 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen aus. Nestlé ist also nicht das alleinige Problem, sondern nur ein großer Teil davon.

„Die 10 großen Lebensmittelproduzenten verursachen mehr Emissionen als Finnland, Dänemark, Schweden und Norwegen zusammen.“

Werbung für Lebensmittelhersteller – … muss man aber nicht!

Langer Rede, kurzer Sinn. Ich glaube nicht, dass man weiterhin darüber nachdenken muss, ob Nestlé ein Unternehmen ist, für das man kostenfrei Werbung über das Landwirtschaftsministerium machen muss. Obwohl, naja, immerhin haben sie in den letzten Jahren Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten um 10% gesenkt. Das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht, allerdings habe ich mir eine kleine Beispielrechnung erlaubt:

Wenn ein Fertigprodukt auf 100 g, 5 g Zucker enthält und der Anteil um 10% gesenkt wird, sind immer noch 4,5 g Zucker drin. Damit würden unglaubliche zwei Kalorien auf 100 g eingespart werden.

„Richtig toller Beitrag zum Verbraucher- und Klimaschutz. Danke Nestlé <3“

Werbung für Lebensmittelhersteller – Was ersetzt denn Zucker?

Statt Haushaltszucker/ Saccharose (Glucose+Fructose) soll in Zukunft z.B. Allulose verwendet werden. Ein Zucker, der zwar süß schmeckt, allerdings nicht von den körpereigenen Enzymen aufgespalten werden kann. Somit könnte Allulose tatsächlich eine brauchbare Alternative darstellen. Allerdings kommt Allulose in der Natur kaum vor und wir wissen nicht, wie sich diese chemische Verbindung in größeren Mengen auf unseren Organismus auswirkt. Bei neuen Substanzen haben wir immer das Problem, dass wir nicht feststellen können, wie diese sich langfristig auf unsere Gesundheit auswirken. Aktuell ist Allulose in der EU (noch) nicht zugelassen. Vielleicht sollten wir es dabei belassen. Denn wie bereits Yuval Noah Harari in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ konstatiert und etliche Beispiele aus der Vergangenheit zeigen:

„Die Menschheit war schon immer besser darin war, neue Dinge zu erfinden, als sie zu kontrollieren.“

Werbung für Lebensmittelhersteller – Was ersetzt denn die Fette?

Fette lassen sich anderweitig ersetzen. Dabei können entweder sogenannte Salatrims genutzt werden. Diese synthetischen Triglyceride liefern statt, die sonst für Fett üblichen 9, „nur“ 6 Kalorien pro Gramm. Allerdings führen größere Mengen Salatrims zu Durchfällen und Beschwerden des Verdauungstrakts. Vielleicht nicht die allerbeste Alternative. Eine lebensmitteltechnologisch clevere Idee ist, die Textur der Fette, also das Gefühl im Mund durch Inulin zu simulieren. Inulin ist ein Ballaststoff und damit grundsätzlich positiv zu bewerten. Denn ein Mehr an Ballaststoffen könnte der durchschnittlich essende Mensch in Deutschland u.a. Ländern, in denen eine „western diet“ üblich ist, durchaus gebrauchen.

Werbung für Lebensmittelhersteller – Beim Salz sind clevere Lösungen auf dem Weg

Positiv überrascht bin ich von den Versuchen, Salz zu reduzieren. Im Gegensatz zu Zucker und Fett, machen hier Reduktionen im Gramm-Bereich einen adäquaten Unterschied. Durchschnittlich fast 10 Gramm Salz nimmt jede/r Deutsche täglich zu sich- und erhöht damit das Risiko an Bluthochdruck zu erkranken, erheblich. Jedes Gramm, das hier eingespart werden kann, ist gesundheitlich sinnvoll. Durch sogenannte „Salzinseln“ versuchen Wissenschaftler*innen trotz erniedrigtem Salzgehalt das selbe „Salzgefühl“ im Mund zu erzeugen. Ein spannender Versuch.

Werbung für Lebensmittelhersteller – Das war echt peinlich, Frau Klöckner

So sinnvoll der Kapitalismus auch sein mag, der Steigerungszwang sollte bei der Nahrungsmittelindustrie und unserer Gesundheit im Zaum gehalten werden. Meiner Meinung nach sollte die Politik uns schützen, statt mit Nestlé und Co gemeinsame Sache- und peinlich vor der Kamera rum zu machen. Kooperationen mit der Nahrungsmittelbranche sind wichtig, das habe ich zuletzt immer besser verstanden. Aber Werbung für Lebensmittelhersteller über ein Bundesministerium geht zu weit. Letztendlich ist das Verbrauchertäuschung, weil es uns das Gefühl vermittelt, die Lösung unserer gewaltigen Probleme mit Übergewicht, Adipositas und Diabetes Typ2, seien durch eine Reduktionsstrategie allein in den Griff zu bekommen.

Werbung für Lebensmittelhersteller – Ein evolutionäres Fazit

Werbung für und von Lebensmittelherstellern ist großer Schwachsinn. Wir leben in einer Welt des Überflusses, einer Welt, für die unsere Körper und Gehirne nicht gemacht sind. Solange uns die Lebensmittelhersteller dazu manipulieren dürfen, mehr Zucker und Fett zu konsumieren, als wir benötigen, werden wir unsere Gesundheitsprobleme nicht in den Griff bekommen! Solange sich die Politik nicht nur raushält, sondern mit den Nestlé-Bossen kuschelt, brauchen wir von „dort oben“ keine Hilfe erwarten. Die Lösung muss von uns ausgehen. Wie beim Klimaschutz müssen wir beginnen, gemeinsam gesünder zu gestalten!

Weitere Quellen:

https://www.sodbrennen.de/sodbrennen-vorbeugen/ernaehrung/interview-fertigprodukte/

https://www.swr.de/buffet/leben/gesund-oder-ungesund-das-sollten-sie-ueber-fett-wissen/-/id=257304/did=23369390/nid=257304/1lnyntp/index.html