Geschäft mit unserer Gesundheit

Geschäft mit unserer Gesundheit

Am Montag war ich im Supermarkt einkaufen. Der Name der Einzelhandelskette ist irrelevant. Weil letztendlich sind alle großen Supermärkte nach einem ähnlichen Muster aufgebaut. Man kommt rein und befindet sich inmitten von Obst und Gemüse aus allen Ländern der Welt. Dort packt man den Einkaufswagen voll und kommt dann an Backwaren, Milch- und Fertigprodukten sowie der Fleischtheke vorbei. Dann noch die Getränke, den Alkohol, die Süßigkeiten und die Chips abgefrühstückt… Fast geschafft. Am Ende steht man an der Kasse und hat vermeintlich alle Herausforderungen der Selbstdisziplin gemeistert. Doch hier wird das Geschäft mit unserer Gesundheit nochmal richtig angekurbelt.

Geschäft mit unserer Gesundheit: Ungesunde Anreize

Wie schwer ist es, durch einen Supermarkt zu gehen, ohne mehr einzukaufen als man geplant hat? Wie oft kauft man mehr als man benötigt und schmeißt am Ende die Hälfte in den Müll? Die Anreize, die bei einem Gang durch den Supermarkt gelegt werden, vertragen sich nicht mit den Anlagen und Fähigkeiten, die wir Menschen von Natur aus mitbringen. Für viele Menschen ist es sehr schwierig, nicht auf diese Verlockungen zu reagieren. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts sprechen eine klare Sprache, fast 25% der Deutschen sind adipös( BMI >30) und 50% sind übergewichtig (BMI >25). Bei uns Männern weisen sogar zwei von drei Deutschen Übergewicht auf.

Geschäft mit unserer Gesundheit: Übergewicht als Gesundheitsproblem

Ein paar Kilo zu viel auf den Rippen zu haben, gehört in vielen Kreisen schon fast zum guten Ton. Doch Übergewicht und besonders Adipositas sind ungesund und lassen Menschen früher sterben. Außerdem entwickeln Menschen mit Adipositas deutlich häufiger Begleiterkrankungen, die die Lebensqualität beeinträchtigen. Von Diabetes, über Herzinfarkte und Schlaganfälle bis hin zu Krebserkrankungen. Die Top-Todesursachen in der westlichen Welt gehen mit Adipositas einher.

Geschäft mit unserer Gesundheit: Für jeden etwas dabei

Wir laufen also durch den Supermarkt und überall gibt es Sonderangebote, XXL-Packungen und weitere Anreize, die uns dazu bringen sollen, mehr zu kaufen. Es gibt keine Alternative. Der Kapitalismus braucht Wirtschaftswachstum, sonst stirbt er. Also lässt uns der Kapitalismus früher sterben. Nicht aus böser Absicht, sondern einfach aus Ignoranz. Wenn ich dir drei Schokoriegel am Tag verkaufe, ist das in diesem Quartal klasse. Wenn ich dir im nächsten Quartal keine vier Schokoriegel am Tag verkaufe, habe ich kein Wirtschaftswachstum und habe nach den Regeln des Kapitalismus versagt.

„Die gesellschaftlichen Anreize stehen unseren menschlichen Grundbedürfnissen diametral gegenüber!“

Zum Ende wird’s eklig

Steht man dann an der Kasse an und hat das Gefühl, das Schlimmste überstanden zu haben, wird’s erst recht fies. Denn hier ist für jede Schwäche etwas dabei. Wer sich beim Zucker schwer beherrschen kann, der wird hier mit Süßigkeiten gelockt. Für Alkoholabhängige sind die kleinen Schnapsflaschen unwiderstehlich. Raucher werden die Zigaretten schmackhaft gemacht. Und wer zwar kein Problem beim oralen Konsum hat, der darf sich nicht zu früh freuen. Denn es gibt ja auch noch die Möglichkeit „Paysafe“-Karten für den Online-Konsum zu erwerben.

Geschäft mit unserer Gesundheit: Kapitalismus ist über das Ziel hinausgeschossen

Wenn ich meinen eigenen Text reflektiere, muss ich schauen, dass ich nicht als Kommunist abgestempelt werde. Ich möchte deswegen betonen, dass ich den Kapitalismus keinesfalls nur negativ betrachte. Ich glaube lediglich, dass der Kapitalismus über das Ziel hinausgeschossen ist. Das System, jemandem Geld für Investitionen zu leihen, sodass es sich vermehrt, hat uns Menschen zumindest im Westen, wohlhabenden gemacht als man es sich noch vor wenigen Jahrzehnten vorstellen konnte. Doch an irgendeinem Punkt ging es nicht mehr um das Erfüllen von Bedarfen, sondern nur noch um das Hervorrufen neuer Bedürfnisse.

Die Schwachen schützen

Die besten Kunden sind die, deren Selbstwirksamkeitserwartung nicht ausreicht, um bestimmten Versuchungen zu widerstehen. Das ist das Unfaire an diesem System. Die Alkoholindustrie verdient nicht dadurch genug, dass einige Menschen, 1-2 wöchentlich ein Glas Wein trinken, sondern an den Alkoholikern. Die Tabakindustrie verdient sich nicht an Genussrauchern eine goldene Nase, sondern an Kettenrauchern. Und die Nahrungsmittelindustrie steigert ihre Umsätze nicht an den schlanken, normalgewichtigen, disziplinierten Menschen, sondern an Menschen mit gestörtem Essverhalten, die nicht widerstehen können. Ich möchte mit einer Frage abschließen:

„Sind wir, als Gesellschaft nicht zur Solidarität mit den Schwachen verpflichtet?“